SGBK Sektionsmitglieder aus Basel und der Region

Jubiläum „50 Jahre Frauenstimmrecht in Basel“

Dienstag, 14. Juni 2016, 17.00 Uhr

Im Namen des Kantons Basel-Stadt heisse ich Sie herzlich willkommen hier im Innenhof des Rathauses zur heutigen Vernissage. „Wir haben die Wahl, Frauenstimmrecht aus heutiger Sicht“ ist ein Kunstprojekt der Schweizerischen Gesellschaft Bildender Künstlerinnen Basel. Ich freue mich ausserordentlich mit der SGBK die Gewinnerin des Chancengleichheitspreises beider Basel von 2012 hier begrüssen zu dürfen. Und es freut mich natürlich sehr, dass Sie alle heute – trotz des unsicheren/schlechten Wetters – zu dieser aussergewöhnlichen Vernissage gekommen sind.

Dass im Innenhof des Rathauses Kunst präsentiert wird, ist selten und etwa Besonderes. Das letzte Mal war das 2014 der Fall, damals wurden die überdimensionalen Skulpturen von Thomas Schütte zum 500-Jahr-Jubiläum des Rathauses gezeigt.

Die aktuelle Ausstellung hat auch ein Jubiläum zum Anlass, nämlich die Einführung des  kantonale Frauenstimmrecht in Basel-Stadt vor 50 Jahren. Im Vergleich dazu, wie lange dieses Rathaus hier steht, blicken wir mit diesem Jubiläum allerdings nur in die jüngere Vergangenheit zurück.

Heute ist ein besonderer Tag: Genau heute vor 35 Jahren, am 14. Juni 1981, wurde der Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung verankert. Also zehn Jahre nach der nationalen Einführung des Frauenstimmrechtes (1971). Zehn Jahre später – am 14. Juni 1991 – mussten wir Frauen mit dem grossen Frauenstreik an den Verfassungsartikel erinnern, weil  bis dahin noch kein Gesetz dazu erlassen wurde.

Heute feiern wir also 50 Jahre Frauenstimmrecht kantonal, 45 Jahre Frauenstimmrecht national, 35 Jahre Gleichstellungsartikel und 25 Jahre Frauenstreik.

Ist das ein Grund zum feiern? Ja und Nein. Denn Gleichstellung ist – trotz all dieser Errungenschaften – noch immer nicht erreicht. Frauen sind gegenüber Männern noch immer vielerorts benachteiligt. So zum Beispiel in der Politik, beim Lohn oder auch in der Kunst.

 

Schauen wir uns – aus gegebenem Anlass – unter diesem Aspekt den Bereich der Kunst genauer an:

 

Unter den hundert erfolgreichsten Kunstschaffenden der Welt befinden sich aktuell gerade einmal 16 Frauen. Diese Zahl ist seit 15 Jahre in etwa gleich geblieben.

Der „Erfolg“ wird hier an Verkaufszahlen und Ausstellungsteilnahmen gemessen.

So entsteht das Ranking bei Artfacts.net. Es ist nicht unumstritten, weil so der Preis der Werke die Bedeutung der Kunstschaffenden definiert. Aber es zeigt trotzdem klar auf: der Preis der Werke von Männern ist höher als der von den Werken aus Frauenhand. Frauen erhalten demnach auch in der Kunst noch lange nicht den gleichen Lohn wie Männer. Die „Zeit online“ hält in einem Artikel von 2012 fest: „Wenn ein Künstler 10.000 Euro verdient, erhält eine Künstlerin im Vergleich dazu nur 6.400 Euro.“

Wahrnehmung ist die andere Währung im Kunstbetrieb. Die Künstlerin Karin Sander, Dozentin an der Technischen Hochschule Zürich, sagt dazu allerdings: „Frauen müssen einen viel grösseren Aufwand leisten, um in gleicher Weise wahrgenommen zu werden wie Männer.“ Eine Studie aus Deutschland (NRW) zeigt, dass Männern immer noch eine grössere Präsenz und grössere Einflussmöglichkeiten zugeschrieben werden. Und dass Männer deutlich höhere Ambitionen zur aktiven Selbstvermarktung haben. Frauen tendieren immer noch eher zu Understatement und Bescheidenheit.

Ein grosses Problem für Künstlerinnen ist zudem nach wie vor die Vereinbarkeit von Familie, Haushalt, Kindererziehung einerseits und professionellem künstlerischem Engagement andererseits. Damit ergeben sich insbesondere für Frauen immer wieder Einschränkungen hinsichtlich Mobilität, Präsenz und zeitlicher Verfügbarkeit. Diese Einschränkungen versuchen wir in Basel für alle Eltern durch familienunterstützende Strukturen zumindest teilweise abzubauen.

Kunst ist eine Form, sich einzumischen. Sie ist ein wichtiger Teil unserer Kultur und ist immer auch ein Abbild der Gesellschaft, welche die Kunst hervorbringt.

Demnach kann sie kritisch sein, reflektiert, politisch und / oder ästhetisch, auf Genuss gerichtet. Auf jeden Fall ist sie bereit für eine Auseinandersetzung und für den Dialog mit dem Betrachter oder der Betrachterin. Dieser Dialog setzt immer eine Sprache voraus. Eine Sprache – und eine Stimme – welche die Frauen erst suchen mussten und welche in der Kunst immer wieder neu erfunden werden muss.

Hier im Rathaushof haben Sie, liebe Künstlerinnen, Silhouetten benutzt, um das Frauenstimmrecht aus heutiger Sicht darzustellen. In der Kunst werden Frauenkörper und –bilder oft durch männliche Künstler erschaffen. Doch hier zeigen Sie die Frauenkörper stellvertretend für sich selbst und nehmen sie damit aus der Objekthaftigkeit heraus.

Die Silhouetten stehen für das Frauenstimmrecht, die Wählerinnen und für die Künstlerinnen gleichermassen. Die Körper sind sichtbar, haben eine Stimme, beanspruchen ihren Platz, nehmen Raum ein. Sichtbar wird Kunst oft auch durch die Tätigkeit von Vereinigungen von Kunstschaffenden wie die SGBK. Zudem dienen diese Vereinigungen als Netzwerk und generieren den produktiven Austausch.

Im Networking sind wir Frauen leider nach wie vor gegenüber den Männern im Hintertreffen. Dies habe ich in meinem letzten Jahr als Grossratspräsidentin bei verschiedenen Gelegenheiten eindrücklich zu sehen bekommen. Und auch deshalb freue ich mich ausgesprochen, Sie heute hier im Rathaus zu begrüssen zu dürfen.

Auch Unterstützung durch Kunstförderung ist unerlässlich für Künstlerinnen und macht sie sichtbar. So zum Beispiel der Kunstkredit in Basel. Etwa die Hälfte der Teilnehmenden an Ausschreibungen des Kunstkredits sind Frauen. Allerdings gibt es Wettbewerbsgefässe, an denen sich Künstlerinnen eher beteiligen, z.B. Werkbeiträge und solche, die eher von Künstlern genutzt werden, z.B. Kunst im öffentlichen Raum oder Kunst am Bau.

2015 wurden vom Kunstkredit Beiträge an 9 Künstler und 6 Künstlerinnen vergeben.  –  Den Wettbewerb für „Kunst im öffentlichen Raum“ hat dieses Jahr übrigens eine Frau, nämlich Clare Kenny, gewonnen.

Ich möchte Sie – liebe anwesende Künstlerinnen – abschliessend dazu ermuntern, weiterhin mit Ihrer Kunst politisch zu sein, sich einzumischen und sich zu zeigen.

Nehmen Sie selbstbewusst Raum ein, so wie Sie es hier im Rathaushof mit Ihren Kunstwerken tun. Wir haben die Wahl!

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.