Vor mehr als vierzig Jahren haben wir hier in Basel erfolgreich Widerstand gegen das AKW Kaiseraugst geleistet.
Als Teenager trat ich damals der Bürgerinitiative Therwil gegen Atomkraftwerke bei. Wir haben uns damals natürlich intensiv mit den Gefahren der Atomkraftwerke auseinandergesetzt.

Und ich stelle im Rückblick fest: Das Rezept der AKW-Befürworter ist seit Jahrzehnten dasselbe: Beschwichtigen, verharmlosen und auf das kurze Gedächtnis der Menschen hoffen.

Vor vierzig Jahren wurden unsere Befürchtungen jeweils mit einer Wahrscheinlichkeitsrechnung abgetan:
Einen Super-GAU gäbe es nur alle zehntausend Jahre und die Wahrscheinlichkeit sei praktisch Null, dass dies je zu unseren Lebzeiten passiere.
Die Grundannahme fanden wir schon damals grotesk, aber uns Kritikern wurde jeder Sachverstand abgesprochen.
Wir seien Panikmacher und sonst nichts.

Leider, sind unsere Befürchtungen nur allzu schnell eingetroffen und vor 30 Jahren passierte der Unfall in Tschernobyl.
Die Katastrophe von Tschernobyl hat 1986 unsägliches Leid für die Menschen in der Ukraine gebracht.

Millionen von Menschen wurden radioaktiv verstrahlt, riesige Gebiete wurden unbewohnbar und die radioaktive Wolke zog um die ganze Welt.

Der Schock war riesig.
Wir haben erlebt, dass ein GAU passieren kann und dass die Auswirkungen schrecklich sind.

Während Wochen ängstigte die radioaktive Wolke auch bei uns die Menschen.

Die Behörden waren hier in der Schweiz völlig überfordert, obwohl Tschernobyl tausende von km entfernt liegt.
Auch in der Schweiz machten sich natürlich viele Menschen grosse Sorgen um die Sicherheit der AKWs in ihrer unmittelbaren Umgebung.

Aber schnell kamen die Erklärungen der AKW-Betreiber:
Die Sowjetunion sei halt technisch nicht auf der Höhe gewesen.
Das AKW sei genauso marode gewesen, wie der sowjetische Staat.
Und vor allem: So etwas könne in der hochtechnologischen Schweiz nie passieren. Also: Beschwichtigen, verharmlosen und auf das kurze Gedächtnis der Menschen hoffen.

20 Jahre später – die Sowjetunion gab es schon lange nicht mehr – geriet Tschernobyl allmählich in Vergessenheit.
In meinem Bekanntenkreis stellte ich fest, dass die Kritik und die Furcht vor den Risiken der AKWs allmählich nachliess.

Manche fragten sich, ob Atomkraftwerke nicht vielleicht doch eine nützliche Massnahme gegen den Klimawandel sein könnten.
Aber nicht zehntausend Jahre nach Tschernobyl, sondern nach nur 25 Jahren kam die Katastrophe von Fukushima.

Die Folgen waren auch hier schrecklich:
Mehr als 200’000 Menschen mussten damals ihre Heimat verlassen und in Übergangslager evakuiert werden, wo bis heute noch knapp 100’000 ausharren. Es wurden immense Mengen an radioaktiven Stoffen in die Umwelt freigesetzt. Und auch bei dieser Katastrophe wurden Millionen von Menschen erhöhten Strahlendosen ausgesetzt.

Diesmal geschah der Unfall in einem Land, das für seine Spitzentechnologie berühmt ist.
Wir wissen: zuerst war das Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami, der die nukleare Katastrophe auslöste.

Aber wir wissen auch, von der Möglichkeit eines Tsunamis wussten die Betreiber, das Sicherheitsrisiko für das AKW haben sie aber totgeschwiegen.

Die Beschwichtiger in der Schweiz führten schnell zu Felde, dass es Tsunamis hier nicht gäbe und also ein solcher Unfall hier nicht geschehen könne.
Aber auch in Japan fand ein Unfall statt, den es gemäss den Betreibern des AKWs und den Aufsichtsbehörden nie hätte geben können.

Es ist interessant, was die Beteiligten dazu sagen: So Nato Kan, damals Regierungschef von Japan, ein ausgebildeter Physiker.
Nato Kan stellte fest, dass die verantwortliche Aufsichtsbehörde und die AKW-Betreiber total überfordert waren.
Vorher, als Gesundheits- und Finanzminister, sei er von fachlich bestens informierten Beamten umgeben gewesen.
Nach dem Unfall war alles anders, es gab keine Vorbereitungen und keine Organisation für die Bekämpfung der Folgen eines schweren Atomunfalls.

Den Grund dafür, so analysiert er heute glasklar, war der folgende: Ich zitiere:
„Wäre eine Organisation zur Bewältigung eines Unfalls aufgebaut worden, hiesse das ja, dass die Regierung von der Möglichkeit eines solchen Unfalls ausgeht.
Und das wiederum würde den Bau und das Betreiben von Atomkraftwerken behindern.»

Zitatende
Also steckte man lieber den Kopf in den Sand und machte sich gar keine Gedanken zu einem Atomunfall.

Die Katastrophe von Fukushima hat endgültig klar gemacht: ein schwerer Unfall in einem AKW ist jederzeit möglich – auch bei uns.
Unvorstellbar, was ein schwerer Unfall in einem AKW im dicht besiedelten Europa für Folgen hätte.

Basel liegt in „Katastrophendistanz“ zu Fessenheim, Leibstadt, Gösgen, Mühleberg und Beznau.

In der Schweiz wird aber schon heute – nur fünf Jahre nach Fukushima – von den AKW- Propagandisten der Unfall und seine schrecklichen Folgen für die betroffenen Menschen zum Phantom erklären.

So schrieb der Chefredaktor der BaZ vor zwei Monaten:
„Die Skandalisierungsindustrie und die eng mit ihr verbundenen politischen Interessengruppen, die seit Jahren die Atomkraft dämonisieren, hinterliessen bei den Menschen die einzigen, wirklichen Schäden – und diese waren vorwiegend psychischer Natur. Fukushima fand nur in unseren Köpfen statt.“
Er hat wirklich den unglaublichen Satz geschrieben: „Fukushima fand nur in unseren Köpfen statt.“

Beschwichtigen, verharmlosen und auf das kurze Gedächtnis der Menschen hoffen.Es ist wieder dasselbe, es fängt wieder von vorne an!

Und so halten unsere Parlamente in Bern trotz allem an den unbeschränkten Laufzeiten der AKW’s fest.
Und wer weiss, ob Frau Leuthard ihre Meinung zum Bau neuer Atomkraftwerken nicht genauso schnell ändert, wie sie ihre Meinung zur zweiten Gotthardröhre geändert hat.

Der Kampf gegen die Atomenergie ist nicht zu Ende.
Wir wissen, in unserem Interesse und im Interesse unserer Kinder und Kindeskinder:

Je rascher die noch bestehenden Werke abgestellt werden, umso sicherer.

Wir haben ein langes Gedächtnis und wir dürfen nicht vergessen! Es braucht weiterhin unseren Widerstand.