Zu den ehrenvollen Aufgaben einer Grossratspräsidentin gehört die 1. Augustrede auf dem Bruderholz. Bei der Vorbereitung auf diese Rede habe ich aber festgestellt, dass es für mich nicht so einfach ist, eine 1. August-Rede zu schreiben. Ich bin nämlich gegenüber Nationalstolz und Patriotismus eher skeptisch eingestellt.
Ausserdem habe ich als Stadt-Baslerin manchmal auch das Gefühl in zweierlei Hinsicht nicht ganz zur Schweiz zu gehören. Erstens sind wir geografisch gesehen am Rande der Schweiz beheimatet und haben einen nahen Bezug auch zu unseren ausländischen Nachbarn. Zum zweiten spürt man immer wieder, dass die grossen Städte in der Schweiz mit einiger Skepsis betrachtet werden. Die Interessen der Städte werden – im Vergleich mit den Interessen der Landregionen – oft nicht sehr ernst genommen und nicht angemessen berücksichtigt.

Es ist mir aber trotzdem eine Freude und eine grosse Ehre, heute hier auf dem Bruderholz die 1. August-Rede zu halten. Denn gegen ein schönes Fest und einen nüchternen Patriotismus habe ich nichts einzuwenden. Ich halte mich da gern an Gottfried Keller, den wichtigsten Schweizer Dichter des 19. Jahrhunderts:
„Achte jedes Mannes Vaterland, aber das deinige liebe“, heisst einer seiner berühmten Sätze. Gottfried Keller hat aber gegen Ende seines Lebens auch geschrieben: „Es würde vieles erträglicher werden, wenn man weniger selbstzufrieden wäre bei uns und die Vaterlandsliebe nicht immer mit der Selbstbewunderung verwechselte.“ Genau so geht es mir auch heute und daher stammt mein – eingangs erwähntes – skeptisches Verhältnis zu 1. August-Reden, in denen allzu oft die Selbstbewunderung zelebriert wird.

Ich habe mir für diese Rede überlegt, auf was wir Schweizer und natürlich – obwohl wir beim Keller-Zitat nicht mitgemeint waren – auch wir Schweizerinnen, stolz sein können und auf was ich weniger stolz bin. Natürlich ist mir einiges eingefallen, auf das ich – als Schweizerin – stolz bin: Als erstes und wichtigstes bin ich stolz darauf, dass unser Land eine der ältesten Demokratien ist. Die Demokratie ist in der Schweiz sehr gefestigt, lebendig und im Alltag der Gesellschaft verankert.
An den vielen Veranstaltungen, die ich seit Februar als Grossratspräsidentin besuchen durfte, ist mir aufgefallen, wie viele Vereine existieren und wie viele Menschen bei uns wissen, wie ein Verein geführt wird. Sie wissen, wie Generalversammlungen und Abstimmungen korrekt durchgeführt werden.
Man spürt, dass sie dies schon oft miterlebt haben. In unserem Land wird die Demokratie schon von klein auf geübt: In den Schulen gibt es Abstimmungen über das Ziel einer Abschlussreise oder über den Klassensprecher und vieles mehr.
Es wird damit einerseits das Prozedere der Abstimmung eingeübt. Die Kinder und Jugendlichen erfahren dabei aber auch, dass man manchmal gewinnt, aber manchmal auch verliert und dass auch dann die Welt nicht zusammenbricht.
Dies ist für die Demokratie eine sehr wichtige Erfahrung. Wir kennen dies ja alle, dass man manchmal auch bittere Niederlagen erfährt und trotzdem das Wahlergebnis oder die Abstimmung anerkennen muss und kann.

Natürlich bietet das Vereinswesen und seine festen Formulierungen und Rituale auch Anlass zum Schmunzeln. Manchmal kommt auch mir bei solchen Anlässen eine Cabaret-Nummer von Emil in den Sinn, in der er eine solche Versammlung meisterlich parodiert. Es stimmt auch, dass die Wege in der Schweiz wegen der demokratischen Entscheidungsfindung sehr lang sind. Oft denke auch ich, dass diese oder jene Abstimmung nicht wirklich nötig wäre. Zwischendurch wäre auch ich gerne für eine gewisse Zeit Alleinherrscherin und habe das trügerische Gefühl, dass ich im Alleingang alles einfacher und schneller lösen könnte. Aber es ist eben doch so, dass erst dank des demokratischen Prozesses – auch wenn er manchmal recht mühsam ist – tragfähige Lösungen gesucht werden müssen und die Entscheide die nötige Unterstützung erhalten. Ich bin davon überzeugt, dass vieles in der Schweiz so gut funktioniert, weil die Demokratie so gut funktioniert und weil sie so gut verankert und akzeptiert ist.

Man muss für den Stolz auf die demokratische Tradition übrigens nicht den Rütlischwur bemühen, den es wohl nie gegeben hat. Es reicht darauf stolz zu sein, dass wir neben den USA die älteste demokratische Verfassung haben, die noch in Kraft ist. Darauf kann man stolz sein, auch wenn es für uns Frauen den grossen Schönheitsfehler gibt, dass wir an dieser Demokratie erst seit knapp 50 Jahren teilnehmen können. Zu selbstgefälliger Selbstbewunderung, wie Gottfried Keller sie anspricht, gibt es also keinen Anlass.

Weniger stolz bin ich auf die Selbstbezogenheit und die Selbstgerechtigkeit, die in der Schweiz nach meiner Beobachtung zugenommen hat. Wir bauschen oft unsere kleinsten Luxusprobleme zu riesigen Problemen auf und vergessen dabei, wie gut es uns doch eigentlich geht. Schon z.B. die Möglichkeit, dass es in nächster Zeit wirtschaftlich etwas schwieriger werden könnte, wird als kommende Katastrophe dargestellt. Sofort wird behauptet, dass wir uns z.B. Umweltschutzmassnahmen oder soziale Ausgaben nicht mehr leisten könnten. Natürlich ist es ein Vorzug der Schweizerinnen und Schweizer, dass wir versuchen Probleme frühzeitig zu erkennen und Lösungen zu suchen. Dagegen möchte ich mich nicht im Geringsten wehren, ich bin sogar darauf stolz. Aber wir sollten die Verhältnismässigkeit im Auge behalten und die Probleme etwas gelassener angehen: Selbst wenn es uns in Zukunft wirtschaftlich etwas schlechter gehen sollte, leben wir immer noch in einem Wohlstand, den man sich vor kurzer Zeit noch nicht hätte vorstellen können. Und wenn wir uns mit vielen anderen Ländern vergleichen, sehen wir, dass wir sehr gut dastehen.

Denselben Effekt der Selbstbezogenheit sehe ich auch zunehmend bei Einzelnen und ich will mich dabei gar nicht ausnehmen. Wir können uns furchtbar über Regeln oder Gesetze aufregen, die uns persönlich nicht in den Kram passen und es interessiert uns dabei nur das eigene Wohl. Alle andern sind dann schnell „blödi Sieche, wo bei Ahnin hin“. Die Behörden, die etwas durchführen – was notabene so beschlossen wurde – werden ohne Hemmungen und Anstand angeschossen.
Auch hier wäre oft etwas mehr Gelassenheit angebracht.

Auch nicht stolz bin ich darauf, dass offenbar viele Schweizerinnen und Schweizer glauben, dass alle, denen es weniger gut geht, selber schuld seien. Vor allem in der Diskussion über Flüchtlinge wird oft in einem Ton geredet und geschrieben, der jedes Mitgefühl vermissen lässt. Bei vielen Flüchtlingen wird angezweifelt, dass sie berechtigterweise geflüchtet sind. Und dies obwohl im Moment in sehr vielen Ländern brutalste Kriege geführt werden. Die meisten, so heisst es aber bei uns, wollen ja nur ein besseres Leben. „Wirtschaftsflüchtling“ ist zu einer Art Schimpfwort geworden. Wir vergessen dabei, dass auch die Schweiz über Jahrhunderte ein Auswanderungsland war. Die damaligen Auswanderer waren nach heutiger Sprache überwiegend Wirtschaftsflüchtlinge und die Schweizer Behörden unterstützten sie dabei sogar. Viele Gemeinden haben ihren armen Gemeindebürgern die Überfahrt nach Amerika bezahlt, um so die Unterstützungskosten in Zukunft einzusparen.
So hat z. B. der Bürgerrat von Langenthal im Kanton Bern1854 geschrieben: „Überhaupt finden wir die Auswanderung oder besser gesagt Fortschaffen des Proletariats nach Nordamerika oder Australien das wirksamste Mittel zur allmählichen Verringerung unserer Armenlast.“

Natürlich ist die Situation heute nicht gleich und natürlich können wir nicht die ganze Welt heilen oder retten. Natürlich können wir nicht alle Flüchtlinge in unserem kleinen Land aufnehmen. Aber wir sollten ihnen mit Respekt und mehr Verständnis begegnen. Wir sollten daran denken, dass wir grosses Glück hatten, in ein so sicheres und reiches Land wie die Schweiz geboren zu sein. Wir sollten verstehen, wenn Menschen ihr Glück auch in einem anderen Land suchen, wenn sie im eigenen Land verfolgt werden und keine Perspektive haben. Vielleicht würden auch wir unseren Kindern dazu raten, wenn es hier in der Schweiz keine Möglichkeiten für sie gäbe. Unsere Vorfahren haben dies auf jeden Fall getan.

Ich bin stolz darauf, dass wir dies nicht mehr tun müssen, dass wir in unserem Land versuchen, allen eine Zukunft zu bieten und auch die Schwächsten zu unterstützen.
Und ich bin stolz darauf, dass in der Schweiz niemand verfolgt wird. Ich bin auch auf die Schweizer Gastfreundschaft für Flüchtlinge stolz, und möchte auch in Zukunft darauf stolz sein können.

Stolz dürfen wir meiner Meinung nach also sein, wenn wir dazu beitragen, dass die Schweiz ein Land bleibt, das die Bundesverfassung beherzigt, wo es heisst, „dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen“. Stolz dürfen wir sein, wenn wir dazu beitragen, dass die Schweiz so viel tut, wie sie kann und wie es ihrem Reichtum angemessen ist, um Not und Elend in der Welt zu lindern und das ökonomische und ökologische Gleichgewicht der Welt zu verbessern.

Kurz gesagt: Stolz sollten wir meiner Meinung nach nicht auf das sein, was wir sind, sondern auf das, was wir aus unserem Land machen.